II. Wahl

Mein Name ist Girossos Zarzikis.

Ich verrate ihnen nicht, aus welchem Land ich stamme.
Nur soviel.
In meinem Land ist die Demokratie erfunden; ach was sag ich, begründet worden.
Wenn sie es nicht wissen sollten, es stammt aus unserer Sprache, von unseren Wörtern DEMOS, was soviel heißt wie das Volk, und KRATIA, das als Herrschaft zu verstehen ist.
Als die anderen Völker noch den aufrechten Gang erlernten, lebte in meinem Land bereits der DEMOStrant.

Dass jetzt in meinem Heimatland einige Menschen ihren Unmut darüber zum Ausdruck bringen, dass Jahrhunderte alte Traditionen urplötzlich und gewachsene Strukturen mir nicht dir nichts abgeschafft werden sollen, nur weil ein paar Ignoranten in Europa nicht verstehen, was wahre DEMOS KRATIA bedeutet.

Schauen Sie.
Ich bin der Großneffe des Cousins dritten Grades des Urenkels unseres Präsidenten.
Und als solcher eng mit dem Präsidenten verwandt.
Das begünstigt mich in meiner Lebensweise, weil ich aufgrund dieser Zugehörigkeit zum höchsten Staatsdiener eine angemessene Rente erhalte. Seit meinem achtzehnten Lebensjahr.
Immerhin habe ich aufgrund dieser von Staats wegen rechtmäßig erworbenen Zahlung niemanden sonst den Ausbildungsplatz streitig gemacht oder gar einen Arbeitsplatz genommen. Könnte man doch annehmen, als handele es sich um Vetternwirtschaft, erhielte ich allein aufgrund meiner Familienzugehörigkeit zum Präsidenten eine Stellung.

Nein, nein. Um dieser Gefahr vorzubeugen ist es besser, man nimmt sich zurück und übt Verzicht.

Ja sicher.
Mein verwandter Präsident ist seit geraumer Zeit nicht mehr im Amt, sogar nicht mehr am Leben. Aber das schmälert keineswegs seine Leistung für den Staat und das Volk. Immerhin habe ich ein Bild vom ihm, meinem großen Vorbild und Gönner, an der Wand – mal irgendwo gesehen.

Und überhaupt.
Was soll das für eine Demokratie sein, in der Präsidenten reihenweise vor dem Ableben das Amt verlassen. Eine derartige Verantwortungslosigkeit wäre in meiner Heimat niemals vorgekommen. Bei uns werden die Präsidenten vom Volk gewählt, und nicht wie bei euch von der Regierung ausgeklüngelt.
Und wenn dann ein solch ausgesuchter Präsident sein Amt einfach verlässt, nur weil er während einer Reise im lauten Flugzeug etwas verlauten lies – ich muß schon sagen.

Und wenn der nächste Präsident einen ganzen Tag braucht, um von ein paar Ja-Sagern im Parlament gewählt zu werden, immer und immer wieder. Das hat doch mit Demokratie, wie sie aus meiner Heimat stammt, nichts zu tun; rein gar nichts.

Da fährt der eine Präsident mal in den Arbeitsurlaub um die nächsten Filme zu besprechen, erhält einen wagemutigen Kleinkredit für sein bescheidenes Heim und weis nicht mehr genau, von wem eigentlich. Zahlt diesen Kredit ab mit einem Hochzinsdarlehen einer raffgierigen Bank, tritt zurück und darf nicht mal mehr neben seinen wohlverdienten Ehrensold eine Staatslimousine gestellt bekommen, bei diesen hohen Benzinpreisen.
Beschämend.

Das ist bei uns ganz anders.
Wer da mal Präsident war, wird auf Lebenszeit versorgt und die Nachkommen natürlich auch.
Und es beschwert sich niemand darüber, denn irgendwie ist ja fast jeder mit einem Präsidenten verwand.
Bei uns jedenfalls ist das so.
Wir sind ja ein kleines, bescheidenes Volk. Wir gehören heute zu Europa – aber früher waren wir es.
Wir haben die damalige Welt regiert.
Und nun regiert das Geld. Einzig und allein das Geld.

Doch wir wollten nur mal anknüpfen an die alten Zeiten und Europa und die Welt regieren. Etwas sein unter den Mächtigen, auf gleicher Augenhöhe.

Ihr habt ja immer gesagt „Geld regiert die Welt“. Und das stimmt auch.
Obwohl nicht so ganz.
Eigentlich regiert das Nicht-Geld heute die Welt. Geld was nicht mehr da ist, was nur auf dem Papier steht. Womit man nichts kaufen kann, aber man kann es wunderbar handeln und vermehren.

Nicht-Geld.
Davon haben wir reichlich.
Und wir regieren damit unser Land, Europa und die ganze Welt wahrscheinlich auch bald.

Und nun in eurem Land.
Da habt ihr einen neuen Präsidenten, der eine Antrittrede hält, wie sie auch von einem Fliege in einer pastoralen Talkshow als Einleitung zur Bibelstunde verkündet werden könnte.
Nur nichts Verbindliches, Immer alles schön vage und allgemeingültig.
Eben wie die Bibel oder irgendein Horoskop.

In meinem Land wählen wir solange keine Regierung, bis man uns die Schulden erlassen hat oder man einfach die Schulden vergessen hat.
Denn in der wahren Demokratie braucht man keine Regierung, man braucht nur ein Volk.

Wissen Sie noch? DEMOS.

Und natürlich Nicht-Geld.

Na denn Yammas !

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